23. Oktober 2019 Sandra Maxeiner

„Es gibt keine Zufälle im Leben“ – Ein Gespräch mit Roland Kaiser über Schicksal, die Liebe und das flüchtige Glück

Von Sandra Maxeiner

Wie oft haben Sie sich in Ihrem Leben bereits gefragt, ob das, was Sie gerade erlebt oder erfahren haben, Zufall oder Schicksal war? Gerade dann, wenn Unvorhergesehenes geschieht, und wenn unser weiteres Leben durch Ereignisse oder Menschen nachhaltig geprägt wird, geraten wir ins Grübeln und fragen uns, ob wohl eine höhere Macht im Spiel ist.

Dabei ist die Suche nach dem „geheimen Plan“, der hinter dem Zufall steckt, nicht neu. Bereits lange vor heutigen wissenschaftlichen Bestrebungen haben Menschen versucht, scheinbar zufällige Begebenheiten zu deuten. Trotz aller Forschungen erfahren wir wohl nie, ob unser Schicksal vorherbestimmt ist, ob unser Leben gelenkt wird, ob alles nur purer Zufall oder vielleicht sogar eine Mischung aus allen drei Faktoren ist.

Das Christentum geht davon aus, dass Gott die Macht hat, alles zu lenken, wir aber trotzdem über einen freien Willen verfügen und damit Verantwortung tragen. Im Buddhismus sind Glück oder Unglück die Folgen früherer Taten und werden als „Karma“ bezeichnet. In der Psychologie sieht man in Schicksalsschlägen eher Lernprozesse, die uns in unserer persönlichen Entwicklung unterstützen und reifen lassen können. Was auch immer der Grund sein mag, warum uns diese oder jene Dinge im Leben zustoßen und ob wir an Zufälle glauben oder nicht: In der Konsequenz können Zufälle uns dabei helfen, unserem Leben eine neue Wendung zu geben und uns weiterzuentwickeln. Wichtiger als die Beantwortung der Frage, ob etwas Zufall oder Schicksal ist, ist es also, achtsam durchs Leben zu gehen, im Hier und im Jetzt zu leben und zu versuchen, das Beste aus dem zu machen, was das Leben für uns bereit hält.

Selbst wenn wir an eine Vorherbestimmung unseres Schicksals durch Karma glauben, ist doch nichts für immer unabänderlich festgelegt. Denn es gibt etwas, wodurch auch schlechtes Karma aufgelöst werden kann: Liebe. Die buddhistische Nonne Ani Choying erklärt es mit der Symbolik eines Billardspiels: „Wenn wir die Kugel der Liebe anstoßen, bekommt das Leben eine andere Richtung. Dann können wir schlechtes Karma tilgen, bevor es in unser Leben  tritt.“

Als ich an diesem Freitagnachmittag mit Roland Kaiser spreche, muss ich unvermittelt an seinen Song „Liebe kann uns retten“ denken. Wie viel Wahrheit und Weisheit doch in dieser simplen Botschaft steckt! Für Roland Kaiser jedenfalls ist klar, dass nichts in unserem Leben Zufall ist – so auch nicht der große Erfolg, den er derzeit demütig und dankbar genießt. Vielleicht ist ein Erfolg wie dieser auch ein Stück weit das Ergebnis der Sehnsucht von Menschen, die in einer Kultur des Vorläufigen und einer Zeit des Beliebigen leben, nach Beständigkeit und Verlässlichkeit. Vielleicht ist auch die Sehnsucht, Teil eines Ganzen zu sein eine der Triebfedern dieses Erfolges. Gerade weil unsere Zeit vollgestopft zu sein scheint mit schier unendlichen Möglichkeiten für unsere Selbstverwirklichung.  Jeder, der schon einmal ein Roland-Kaiser-Konzert besucht hat, kennt dieses wunderbare Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Es sind Roland Kaiser und seine Musik, die diese Beständigkeit liefern und die viele seiner Fans schon ein Leben lang begleiten – ein Phänomen, das sich auch in den jüngeren Generationen fortzusetzen scheint.

Zudem steht Roland Kaiser mit seinem großen sozialen Engagement für Werte wie Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, die gerade in der heutigen Zeit zunehmend wichtiger werden. Apple-Gründer Steve Jobs soll auf seinem Sterbebett gesagt haben: „Jetzt weiß ich, dass wir uns im Leben komplett andere Fragen stellen müssen, die mit Reichtum nichts gemeinsam haben …Dein Reichtum – das ist die Liebe zu deiner Familie, das ist die Liebe zu deiner Frau und deinem Mann, das ist die Liebe zu deinen Nächsten. Passt auf euch auf und sorgt euch um die anderen.“

Foto: Urbschat, Der Dehmel

Herr Kaiser, seit unserem ersten Gespräch sind knapp vier Jahre vergangen. Wenn Sie zurückblicken auf diese Zeitspanne, was ist Ihnen dabei besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Herr Kaiser, seit unserem ersten Gespräch sind knapp vier Jahre vergangen. Wenn Sie zurückblicken auf diese Zeitspanne, was ist Ihnen dabei besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Viele Dinge, privat wie beruflich. Meine Kinder sind größer und erwachsen geworden, meine berufliche Aktivität hat sich verstärkt und unsere Welt ist ein wenig ins Wanken geraten – sowohl unsere politische hier in Deutschland, als auch weltweit. Und ich denke auch an den Klimawandel, der zwar bemerkt, aber meiner Meinung nach nicht ernst genug genommen wird.

In unseren Gesprächen haben wir uns schon oft über die Höhen und Tiefen des Lebens ausgetauscht. In dem Buch „Das gute Glück“ der Motivationsforscherin Michaela Brohm-Badry, das ich kürzlich gelesen habe, geht es darum, wie es uns gelingen kann, ein zufriedenes Leben zu führen, auch und gerade dann, wenn wir traumatische Erfahrungen machen mussten. Die Wissenschaftlerin betont, dass man an Schicksalsschlägen wachsen könne. Wenn man ihre persönliche Geschichte liest und weiß, dass sie an einem Aneurysma erkrankte und nur knapp dem Tod entronnen ist, kann man den Eindruck gewinnen, dass ein traumatisches Erlebnis praktisch Voraussetzung dafür ist, den Weg zum eigenen Glück zu finden. Wie sehen Sie das?

Es wäre fatal, wenn das so wäre. Ich glaube, ein Schicksalsschlag ist eine Prüfung für einen Menschen. Entweder er zerbricht daran oder er wird dadurch stärker. Aber es wäre sehr traurig, wenn man erst etwas sehr Schlimmes erleben müsste, um zum eigenen Glück zu finden.

Vielleicht es so, dass man nach einem Schicksalsschlag Glück eher begreift und genießen kann, weil man vorher Unglück erlebt hat. Man sieht die Dinge differenzierter und entwickelt eine größere Gelassenheit. So ist es mir nach meiner Transplantation ergangen. Ich bin heute gelassener und bescheidener denn je.

Weil man weiß, wie vergänglich unser Leben und die glücklichen Momente sind?

Ja, genau. Man setzt andere Prioritäten und hat nicht ständig Sorge, dass etwas schief gehen könnte. Man hat etwas so Einschneidendes erlebt und erfahren, dass alles andere, was danach kommt, nicht mehr so schlimm sein kann. Man relativiert.

Perikles, einer der führenden Staatsmänner des antiken Athen, sagte einmal: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ Wie oft waren Sie ganz besonders mutig in Ihrem Leben?

Was ich jetzt als Mut empfinde, betrachte oder benennen kann, würden andere vielleicht ganz anders sehen. Ich bin jedenfalls mutig genug, anderen Menschen meine Meinung zu sagen, ohne sie zu beleidigen. Ich finde es als sehr wichtig, dass man, ohne zu viel Wind zu machen, in der Lage ist seine Meinung zu sagen. Das gilt auch für die Öffentlichkeit. Ich sage meine Meinung – ohne Rücksicht darauf, ob mir das schadet oder nicht. Ob das schon Mut ist, weiß ich nicht.

„Ein Risiko einzugehen und Fehler zu machen“, schreibt die Psychologie-Professorin Brohm-Badry in ihrem Buch, „erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Chancenwahrnehmung und persönliches Wachstum.“ Was war rückblickend das größte Risiko, das Sie in Ihrem Leben eingegangen sind und hat es Ihnen tatsächlich persönliches Wachstum gebracht?

Das ist schwer zu sagen. Manche würden behaupten, dass es riskant sei, in ein Flugzeug zu steigen und zu fliegen. Andere sagen, dass es das sicherste Verkehrsmittel der Welt ist. Es ist auf jeden Fall risikoreich, Unternehmen zu gründen, denn sie können scheitern. Auch eine Ehe einzugehen, ist ein Risiko, denn sie könnte zerbrechen. Aber das alles ist für mich noch kein Risiko.

Insofern können Sie gar nicht sagen, was das größte Risiko war?

Ich habe mal mit jemandem einen Tandem-Paragliding-Flug gemacht. Aber ob das ein Risiko ist? Denn der, der mit mir geflogen ist, war ja ein erfahrener Paraglider.

War das eine tolle Erfahrung?

Es war eine sehr ungewöhnliche Erfahrung. Sie entstand aus einem Gespräch am Abend und am nächsten Morgen waren wir verabredet. Wir sind dann auf einen Berg gefahren, mit dem Schirm auf eine Wiese gegangen und am Ende dieser Wiese war ein Abhang. Der Paraglider sagte dann zu mir: „Wir laufen jetzt los und springen dann in den Abgrund.“ Ich hab ihn ungläubig angeschaut und entgegnet: „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ „Doch“, sagte er, „das machen wir jetzt.“ Beim Tandemsprung hängt man ja vorne am Partner dran. Und ich dachte einen Moment lang: „Muss ich das jetzt wirklich machen? Habe ich das verdient?“ Und da man vor den umherstehenden Menschen nicht aussehen möchte, als würde man kneifen, bin ich dann mit ihm gesprungen. Man hofft in dem Moment natürlich, dass der Schirm sich öffnet. Abgesehen davon, war das Erlebnis wirklich schön. Da ich ja jemand bin, der eine hohe Affinität zum Fliegen hat, war es eine schöne Erfahrung als ich gemerkt habe, dass der Schirm aufgegangen war. Nur als wir unten gelandet sind, hatte ich die Instruktion meines Partners vergessen, nach der ich mitlaufen sollte und so sind wir beide etwas unsanft auf der Wiese aufgeschlagen.

Manchmal, wenn wir an einem Tiefpunkt in unserem Leben angelangt sind, wünschen wir uns, noch einmal vor der Entscheidung zu stehen, die wir einst getroffen haben und einen anderen Weg gehen zu können. Gab es diese Punkte auch in Ihrem Leben?

Nein. Wenn Sie sich heute selbst betrachten, können Sie nicht einzelne Entscheidungen herausnehmen. Dann wären Sie nicht mehr die Sandra Maxeiner, die Sie sind. Dann würden Sie anders aussehen. Wir sind Gesamtkunstwerke, und ich glaube nicht, dass wir das verändern können. Denn es könnte ja sein, dass, wenn wir diese eine Entscheidung anders getroffen hätten, durch sie völlig neue Komponenten hinzu kämen, die uns in ein viel größeres Unglück stürzen würden. Das wissen wir ja nicht. Ich bin der Meinung, dass es keinen Zufall gibt.

Aber was ist es dann?

Fügung, Schicksal. Wenn Menschen manchmal mit mir reden und klagen: „Wie konnte Gott mir das antun?“, sage ich beispielsweise: „Du bist jetzt 54 Jahre alt, hast du jemals vorher gefragt: Wie konnte er mir so viel Glück schenken?“ 54 Jahre lang hat es gut funktioniert, aber wenn es einmal anders ist und in deinen Augen nicht gut läuft, klagst du gleich: „Wie konnte er mir das antun?“ Wir Menschen sind in dieser Hinsicht schon recht komisch. Wir nörgeln lieber als dass wir loben. Das ist ja auch im täglichen Leben so. Die modernen Medien transportieren heutzutage das Genörgel der Menschen schneller als früher der Kummerkasten. Einen „Lobeskasten“ gab es nie. Nur den Kasten, wo sich Menschen beschweren können. Leserbriefe sind heute zu 90 Prozent Beschwerden, nur 10 Prozent sind Lob. Wir loben generell zu selten.

Wie häufig bekommen Sie Kummerpost?

Mich schreiben viele Menschen an, weil sie Sorgen und Probleme haben, und sie bitten mich um Hilfe. Ich helfe, soweit ich kann und wo es geht. Ich bin aber durch meine mannigfaltigen Engagements bei sozialen Projekten, Vereinen und Stiftungen schon einige Tage pro Woche beschäftigt.

Sie sind ein sehr positiver Mensch. Sie blicken nach vorn, packen Dinge an und scheuen sich nicht – was wir gerade besprochen haben – auch mal unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Woraus schöpfen Sie Ihren unerschütterlichen Optimismus?

Der ist mir angeboren. Mein Glas ist stets halbvoll, nie halbleer. Ich bin ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt. Kennen Sie das Buch von Dale Carnegie „Sorge dich nicht, lebe“?

Ja.

Dann wissen Sie Bescheid. Ich lebe im Jetzt. Mit der Angst vor dem Morgen und der Wut über das Gestern kommt man nicht mehr zum Leben. Kinder wissen das von Natur aus. Sie verlernen es nur leider im Laufe des Lebens. Wenn sie anfangen zu reflektieren, was gestern schiefgegangen ist und was morgen vielleicht schlecht laufen könnte, dann verlieren sie den Blick für das Heute. Das ist etwas, was man sich bewahren sollte, wenn es geht. Irgendwie kann ich das. Ich lebe im Moment, und im Moment interessiert mich nichts so sehr wie das Gespräch mit Ihnen. Das gibt eine unglaubliche Ruhe und Kraft und dem anderen das Gefühl, dass jemand zuhört und sich für ihn interessiert. Oftmals reden die Menschen heute zu viel, weil sie während des Gesprächs zum Fenster rausschauen, auf ihr Handy blicken und nicht konzentriert genug bei ihrem Gesprächspartner sind. Es ist wichtig, das Zuhören zu lernen. Denn kommunizieren bedeutet ja nicht nur, eine WhatsApp-Nachricht zu verschicken.

Durch die Kommunikation mit WhatsApp und anderen virtuellen Kommunikationsmitteln entstehen auch viele Missverständnisse.

Natürlich.

In Ihrem neuen Song „Liebe kann uns retten“ singen Sie über die Kraft der Liebe. Was ist die Essenz der Liebe für Sie?

Der Song ist so gemeint, dass wir alle Dinge positiv sehen sollen, die uns interessieren. Dass wir sorgsam mit den Ressourcen dieser Welt umgehen sollen, und dass es wichtig ist, dass Menschen aggressionsfrei miteinander umgehen. Ich habe den Eindruck, dass sie immer gewalttätiger oder gewaltbereiter werden. Wenn Probleme nicht lösbar sind oder wenn soziale Unausgewogenheiten passieren, kippt alles schnell und die Gewalt geht los. Ich versuche mit dem Lied daran zu erinnern, dass alles, was wir brauchen, die Liebe ist – „All you need is love“ so haben die Beatles bereits die Kraft der Liebe besungen. Denn ein Mensch, der liebt und geliebt wird, ist automatisch ein ausgeglichenerer und positiverer Mensch als jemand, der sich unbeachtet und ungeliebt fühlt. Wir sollten alle unser Augenmerk auf diese Erde richten, denn sie fühlt sich ungeliebt von uns. Das ist nicht ungefährlich. Bedauerlicherweise ist die Weltpolitik flügellahm. Wenn zwei große Staaten wie China und Amerika sagen, dass sie ein Klimaabkommen nicht unterzeichnen, machen alle anderen ebenfalls nichts. Nach dem Motto: „Wenn die nicht dabei sind, nutzt es ja sowieso nichts.“

Und die grauenhafte Abholzung des Regenwaldes in Brasilien …

Trump denkt darüber nach, in Alaska ebenfalls Rodung zuzulassen.

Ja. Das ist unfassbar.

Die EU-Regierungschefs konnten sich nicht einmal darauf einigen, bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen. Jeden Tag leiden Menschen unter der Klimakrise. Durch diese Nichteinigung ist die Dringlichkeit ignoriert und die Zukunft aller aufs Spiel gesetzt worden.

… und dass die Zeit möglicherweise schon sehr weit fortgeschritten ist …

Im schlimmsten Fall steigt der Meeresspiegel bis 2050 um einen halben Meter und er könnte bis 2100 um 2 bis 3 Meter ansteigen. Das bedeutete, dass über 20 Tage pro Jahr 55 Prozent der globalen Bevölkerung einer tödlichen Hitze ausgesetzt wären, die jenseits der menschlichen Überlebensfähigkeit läge. Ohne baldige Maßnahmen nähern wir uns schon Mitte des Jahrhunderts einem „Point of no Return“.

Ich komme noch einmal zurück zu „Liebe kann uns retten.“ Wie kamen Sie auf diesen Song?

Peter Plate hat ihn mir angeboten und gesagt: „Ich habe da einen Song, den eigentlich nur du singen kannst, weil du ja auch erlebt hast, was es bedeutet, wenn man durch den Partner und die Familie durch persönliche Krisen – wie eine Krankheit – getragen wird.“ Niemand wird alleine krank. Wenn jemand in der Familie oder in einer Beziehung krank wird, ist die gesamte Familie und der Partner betroffen. Niemand ist alleine krank. Die Menschen um ihn herum werden mit krank. Aber diese Menschen werden in der Regel nicht betreut und nicht gesehen, nicht wahrgenommen und nicht ernst genug genommen. Genau das ist ja auch der Sinn Ihrer Initiative: Diesen Menschen zu helfen, die neben dem Kranken nicht gesehen werden.

Das stimmt. Darauf komme ich gleich noch einmal zurück …

Musikalisch haben Sie ein breites Repertoire und beziehen auch klassische Musik mit ein. Wenn Sie sich einen Duettpartner oder eine Duettpartnerin aus dem Bereich der Klassik wünschen könnten, mit wem würden Sie gern einmal zusammenarbeiten?

Ich habe letztes Jahr in Dresden den Opernball moderiert. Da ist eine georgische Sopranistin, Nino Matschaidse aufgetreten, mit der ich gern mal auf der Bühne stehen würde.

Jetzt komme ich zu unserem Verein: Eine Studie der Universität Witten/Herdecke hat ergeben, dass sich pflegende Angehörige hoch belastet fühlen und oft das Gefühl haben, alleine gelassen zu sein. Warum wird Ihrer Meinung nach bislang viel zu wenig für diese Menschen getan?

Weil sich unsere Gesellschaft – wenn überhaupt – um die Betroffenen kümmert und diejenigen, die pflegen, werden als Selbstverständlichkeit hingenommen. „Das macht man so, das gehört sich so, das ist anständig!“ Aber jemanden in der Familie zu pflegen, kann ganze Existenzen vernichten. Ein normaler Fall wäre: Ihre Mutter erkrankt, wird bettlägerig, und weil Sie nicht das Geld haben, eine Pflegerin einzustellen oder sie in ein Pflegeheim zu geben, müssen Sie es selbst machen. Dann sagt die Gesellschaft: „Na klar, das ist ja ihre Mutter!“ Oder ein anderer Fall: Ihr Partner hat Demenz. Dann würde unsere Gesellschaft sagen: „Na, dann hat sie eben Pecht gehabt.“ Aber das ist es nicht. Das ist ganz schwer.

Das ist eine Lebensaufgabe …

Ja. Und daran gehen Menschen zugrunde und keiner interessiert sich dafür. Es ist kein Auffangnetz vorhanden. Es gibt Menschen, die durch Pflege selbst pflegebedürftig werden, weil sie körperlich und nervlich am Ende sind.

Was könnte man für pflegende Angehörige Ihrer Meinung nach tun, um sie besser zu unterstützen?

Man könnte laut danach rufen, dass die Krankenkassen das bezahlen sollen. Dann würde ich in eine Diskussion eintreten mit den Krankenkassen, die mich fragen: „Wie wollen wir das finanzieren?“ Normalerweise würde der Pflegedienst für diese Leistung honoriert werden. Also warum soll diese Leistung nicht auch dem pflegenden Angehörigen genau wie einem Pflegedienst zuteil werden? Es ist ja letztendlich auch eine Pflege an der Gesellschaft.

Wir werden ja immer älter und werden sicher zunehmend pflegebedürftige Menschen haben …

Ich habe diese Woche einen interessanten Bericht im Fernsehen gesehen. In welchen Orten oder Regionen leben die ältesten Menschen der Welt? Einer dieser Orte ist auf Sardinien. Wenn Sie hier in Deutschland geboren werden, ist die Wahrscheinlich, dass sie über 100 werden, 1:500, dort ist sie 1:80. Und es ist der einzige Ort der Welt, wo Männer und Frauen die gleiche Lebenserwartung haben.

Womit erklären Wissenschaftler dieses Phänomen?

Dort ist die Familienbande so intakt. In dem Bericht im Fersehen sah man eine Winzerfamilie, die vom Urenkel bis zum Opa oder der Oma alle im selben Haus leben und im selben Betrieb arbeiten. Sie trinken abends ein Gläschen Rotwein. Und so sind sie immer integriert. Da wird kein alter Mensch aus seiner Umgebung gerissen, weil ihm gesagt wird: „Du kommt jetzt in ein Heim!“, wie es bei uns üblich ist. Dort ist der Austausch zwischen Alt und Jung permanent gegeben. Die Alten sind auch weniger gebrechlich als hier bei uns. Als ich das gesehen habe, dachte ich: Donnerwetter. Das hat viel mit der Psyche der Menschen zu tun, wie gesund sie sind. Kürzlich hat mir ein Arzt erzählt, dass glückliche Menschen zu 30 Prozent weniger krank werden als unglückliche. Wir stoßen dann irgendwelche Botenstoffe aus, die verhindern, dass wir uns Infekte einfangen. Unser Körper ist schon hochinteressant. Es ist nicht so, dass wir nur krank werden, weil es biochemische oder andere Vorgänge in unserem Körper gibt, die uns krank machen, sondern es hat viel mit der Seele zu tun.

Ja, das stimmt.

Der 90-jährige Opa schien topfit, obwohl er von einem mehrstündigen Arbeitstag auf seinem Weinberg kam. Er hatte strahlende Augen und wirkte glücklich.

Das ist es, was zählt …

Ganz genau.

Es sind ja zunehmend häufiger auch Kinder und Jugendliche – deutschlandweit etwa 230.000 – mit der Pflege ihrer Angehörigen betraut. Auch diese jungen Menschen fühlen sich häufig mit ihren Problemen alleine gelassen. Viele haben das Gefühl, mit niemandem reden zu können. Das liegt auch daran, dass die Pflege zeitaufwendig ist und wenig Spielraum für soziale Kontakte außer Haus bleibt. Wenn Sie sich einmal vorstellen, dass Ihre Kinder irgendwann einmal ein Familienmitglied pflegen müssten, welche Unterstützung würden Sie sich wünschen?

Ich wäre dann in der glücklichen Lage, meine Kinder finanziell zu unterstützen. Das ist ja nicht jedem gegeben. Das heißt, hier muss die Allgemeinheit dafür einstehen. Wenn sie bereit ist, einen Pflegedienst zu bezahlen, dann muss sie auch bereit sein, pflegende Familienangehörige entsprechend zu bezahlen. Da müssten Sozialverbände überlegen, wie man das entlohnt, wie man die Pflege gewährleisten kann, welche Hilfsgeräte, Spezialbetten, Rollstühle etc. es braucht. Das kann niemand allein schaffen. Das darf so nicht sein! Und dann braucht es Vereine wie Ihren, an den sich Angehörige wenden können und sich mit anderen Betroffenen, mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder mit professionellen Helfern und Pflegern austauschen können. Denn das Schlimmste für diese Menschen ist es, die sozialen Kontakte zu verlieren, zu vereinsamen.

Das stimmt. Wir leben zunehmend in einer Singlegesellschaft. Mehr als 40 Prozent leben in Ein-Personenhaushalten.

Und Berlin ist die größte Singlestadt, habe ich gehört.

Das ist traurig.

Glauben Sie, dass unsere Hotline – wenn wir es schaffen, sie mit den nötigen finanziellen Mitteln ganzjährig anzubieten – auch für die jungen Leute eine Hilfe sein kann? Ich glaube, dass man damit einen kleinen Beitrag leisten könnte, dass diese Kinder und Jugendlichen einfach irgendwo anrufen und ihr Herz ausschütten können und vielleicht dort auch Hilfe bekommen.

Nicht nur die finanzielle Unterstützung, sondern auch der seelische Trost ist wichtig. Dass jemand das Problem ernst nimmt, sich darum kümmert, sich mit dem jungen Menschen unterhält und vielleicht auch den einen oder anderen Tipp bereit hat, weil er ein Stück entfernt ist von dem Problem. Sie sind da auf einem guten Weg!

Sie sind oft unterwegs und mit Ihren Tourneen vielbeschäftigt. Bleibt da zwischendurch auch Zeit zum Entspannen? Und wie entspannen Sie am liebsten?

Ich kann ja nicht immer fliegen, obwohl ich das sehr gern tue. Aber ich bin jemand, der sich Zeit nimmt, um abschalten zu können. Meist bin ich mit meiner Frau unterwegs. Dann gehen wir spazieren oder schauen uns Museen an. Man kann Möglichkeiten finden, zur Ruhe zu kommen.

In einem Roman, den ich kürzlich gelesen habe, versuchte sich die Protagonistin ihr Leben in fünf Jahren vorzustellen. Wenn Sie jetzt für einen Augenblick die Augen schließen, wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Ich vermute, ich werde immer noch mitten im Geschäft stehen. Alles andere wäre widersinnig. Ich will noch nicht in den Ruhestand gehen.

Es liegt ja auch immer an den Menschen, den Fans, dem Publikum – ob sie das zulassen oder irgendwann sagen: „So, jetzt ist es gut. Jetzt kommen wir nicht mehr zu dir.“ Dann habe ich Ruhe.

Das kann ich mir nicht vorstellen …

Wenn Sie einmal an unseren Verein denken: Wo wünschen Sie sich, dass wir in fünf Jahren stehen?

Dass Sie eine Bedeutung haben in Deutschland, dass Sie vielleicht auch mit Krankenhäusern zusammenarbeiten können, mit Pflegeanstalten, Pflegediensten und mit sozialen Betreuungsdiensten. Dass Sie ein fester Faktor werden. Dass Sie mit Ihrem Verein dazu beitragen, man die Menschen, die im Schatten stehen, nicht vergisst. Ich habe ja selbst erlebt, dass Menschen, die mit dem Kranken die Zeit durchlitten haben, am Ende noch betroffener waren als der inzwischen Genesene, weil der Angehörige dann am Ende seiner Kraft ist, denn er hat diesen schweren Gang gemacht. Er musste stark sein für den anderen. Und wenn der andere wieder stark ist, bricht der Angehörige zusammen. Dafür muss es Institutionen geben, die ihn stützen und auffangen. Früher gab es das Muttergenesungswerk, weil schon damals erkannt wurde, dass Mütter immer geben und geben, und wenn sie selbst keine Kraft mehr haben, ist niemand da, der ihnen etwas gibt. Kinder und Ehepartner ziehen Kraft. Mütter konnten dann sechs Wochen in Kur gehen und die Familie musste sehen, wie sie klar kommt. Männer waren ja damals schon ziemlich ignorant, bis sie gezwungen wurden, alles selbst zu machen und dabei feststellten, dass das gar nicht nur so „ein bisschen Haushalt“ ist.

Dann hapert es oft an den einfachsten Dingen …

Natürlich.

Sie haben der Stadt Berlin einen eigenen Song gewidmet. Was lieben Sie an Berlin besonders?

Ich liebe das Tempo in der Stadt, liebe das Multikulturelle, den ständigen Aufbruch in der Stadt. Ich habe lange nach einem Lied für diese Stadt gesucht, ohne dieses Pathos und die Pseudoromantik an der Krummen Lanke. Man muss eine Sprache finden, die in die Zeit passt.

Herr Kaiser, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch!


[1] Interview mit Roland Kaiser am 30. August 2019 in Berlin

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