Was ist Ihre persönliche Motivation, sich so stark zu engagieren?

Für mein soziales Engagement sind es vor allem drei Dinge, die mich geprägt und auf den Weg gebracht haben, meine Vision von einer Welt, in der Mitmenschlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft zählen, zu leben: Auf jeden Fall spielt dabei der Tod meines besten Freundes eine Rolle. Er hat mich dazu gebracht vieles zu überdenken, manches in Frage zu stellen, aber auch Neues zuzulassen. Und dabei war es vor allem eines, das mich während seines Sterbens betroffen machte: Dass er alleine starb und dass es niemanden in seiner Familie gab, der sich um ihn kümmerte. Nur einer seiner engsten Freunde und ich waren ihm geblieben.

Seitdem wünsche ich mir, dass kein Mensch allein sterben muss und dass es stets liebevolle Mitmenschen gibt, die sich um die kümmern, die unserer Hilfe und Zuwendung bedürfen. Seit diesem Ereignis arbeite ich als Hospizhelferin, um meinen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass diese Vision Wirklichkeit werden kann. Aber es gibt noch etwas, das eine Rolle bei meinem Engagement spielt, nämlich meine soziale Prägung und eine Erfahrung, die ich durch das Engagement meines Vaters in der DDR gemacht habe: Dass es Menschen braucht, die mutig und couragiert genug sind und sich – um das Leben anderer zu retten – über Gesetze und Befehle hinwegsetzen, Menschen, die etwas riskieren und die Zivilcourage zeigen. Mein Vater hatte diesen Mut. Er verweigerte als Grenzsoldat den Schießbefehl und rettete so das Leben von „Republikflüchtigen“. Er selbst verbrachte dafür einige Jahre im Zuchthaus, bereute es jedoch keine Sekunde. Für seine Unerschrockenheit, sein beherztes Handeln und sein zutiefst menschliches Verhalten bewundere ich meinen Vater sehr und er ist ein Vorbild für mich.

Und noch ein letztes Ereignis möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen: Es war im Dezember letzten Jahres, als ich durch eine der Haupteinkaufsstraßen von New York ging. Ich bemerkte am Straßenrand einen Bettler – seine Haut war komplett verbrannt, sein Gesicht entstellt, selbst seine Hände waren so verstümmelt, dass er nicht mehr greifen konnte. Niemand nahm von ihm Notiz und es schien mir, als sei den Menschen dort – trotz aller Weltoffenheit und Toleranz – vor allem eines abhanden gekommen zu sein: Das Gefühl für ihre Mitmenschen. All diese Erlebnisse und Erfahrungen haben letztendlich den Anstoss dafür gegeben, dass ich die Aktion „Was wirklich zählt im Leben“ – für mehr Mitmenschlichkeit ins Leben gerufen habe.

Mein größtes Ziel ist es, dass Menschen ihr Mitgefühl und ihre Empathie als wertvolle „Güter“ wiederentdecken – auch oder gerade weil uns so manches Mal die eigenen egoistischen Ziele wesentlich wertvoller erscheinen. Denn Mitgefühl verbessert auch unser Wohlbefinden. Je empathischer wir auf andere Menschen eingehen, desto besser fühlen wir uns, und desto mehr sind andere Menschen bereit, uns zu unterstützen, wenn wir sie brauchen.

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